11. KAHNALYSE, Deutschland ./. Slowakei am 26. Juni 2016

Klartext: Könnt ihr euch noch an die Wasserschlacht gegen die Slowakei in Augsburg erinnern? Gut, dann könnt ihr das alles jetzt sofort wieder vergessen. Das Duell heute wird mit dem Spiel von vor vier Wochen genauso viel zu tun haben wie das Achtelfinale mit Österreich – nämlich nichts. Die deutsche Mannschaft befand sich damals noch im Trainingsmodus, ist aber mittlerweile voll im EM-Modus angekommen. Aber Vorsicht: Die Slowakei ist deutlich stärker als Nordirland. Nochmal so viele Chancen nicht zu nutzen, kann sich das DFB-Team nicht leisten, wenn es im Turnier bleiben möchte.

 

Analyse: Kleine Umstellungen können große Wirkung haben. Das belegte die Hereinnahme von Kimmich und Gomez in die deutsche Startelf. Die Folge: Die Rückkehr der deutschen Flexibilität in der Offensive, die zu Turnierbeginn so vermisst wurde. Kimmich interpretiert die Rolle des Außenverteidigers wesentlich offensiver als Höwedes und schiebt im Ballbesitz der deutschen Mannschaft bis auf die die Höhe der gegnerischen Abwehrkette. Hector führt diese Aktion auf der linken Seite ebenfalls aus, so dass es Deutschland nun auch möglich ist, neben dem Zentrum auch über beide Flügel zu agieren und zu kombinieren. Gegen die Nordiren, die hauptsächlich ihren eigenen Strafraum sicherten, funktionierte das hervorragend. Für Kimmich und Hector ergaben sich immer wieder Räume auf dem Flügel. Allerdings schlugen beide nicht nur Flanken, sondern suchten auch immer wieder die spielerische Lösung im Angriffsspiel. Wichtig war dabei, dass sich zentral Özil, Götze und Khedira intensiv zwischen den Reihen des Gegners bewegten und durch die vielen Positionswechsel Unordnung bei Nordirland verursachten. Dadurch war es Deutschland auch möglich, durchs Zentrum für Gefahr sorgen und auch aus diesen Positionen heraus Gomez und Müller in Szene zu setzen. Die spielerische Flexibilität der deutschen Mannschaft hatte auch viel mit den beiden Stürmern zu tun. Müller bewegte sich viel um Gomez herum und war ein weiterer, körperlich sehr präsenter Zielspieler im Strafraum. Der Vorteil ist, dass Müller und Gomez somit automatisch gleich mehrere Verteidiger im Sechzehner binden und somit auch Räume für ihre Mitspieler öffnen. Die Slowakei hat defensiv zwar ähnliche Probleme wie Nordirland (die Bindung zwischen den Ketten und zwischen einzelnen Spielern stimmt oftmals nicht), aber nach vorne deutlich mehr Qualität. Hamsik und Weiss sind dabei die absoluten Schlüsselspieler, weil sie nicht nur an der Spieleröffnung, sondern auch im Herausspielen von Torchancen entscheidend beteiligt sind. Die Zahlen belegen das eindrucksvoll: Hamsik war bisher an 15 der 26 Torschüsse und an zwei von drei Toren beteiligt. Weiss kann mit ähnlichen Zahlen aufwarten (Beteiligung bei 11 von 26 Torschüssen und ebenfalls von zwei der drei Treffer). Und ich warne vor den Standards der Slowaken. Sie erzielten das 2:0 gegen Russland nach einer Ecke. Und auch bei ihrem Sieg gegen Deutschland in Augsburg gelangen ihnen zwei Tore nach Ecken.

 

Hintergrund: Vor vier Wochen verlor Deutschland das Testspiel gegen die Slowakei mit 1:3. Allerdings spielte die deutsche Mannschaft nur mit einer B-Elf. Und im Turnier steht bisher die Null. Nur Polen kam ebenfalls mit weißer Weste durch die Gruppenphase. Aber Achtung: Insgesamt haben die Slowaken nur eines ihrer letzten elf Länderspiele verloren – den EM-Auftakt gegen Wales (1:2). Ansonsten gab es seit Mitte Oktober 2015 sechs Siege und vier Unentschieden.

 

News: Im Stadion in Lille wurde extra ein neuer Rasen verlegt. Boateng soll trotz seiner Wadenverhärtung spielen können. Kimmich erhält wohl erneut den Vorzug vor Höwedes. Bei den Slowaken haben in der Gruppenphase gleich sieben Spieler eine Gelbe Karte gesehen (Hrosovsky, Mak, Weiss, Kucka, Skrtel, Durica, Pecovsky) Ihnen droht bei der nächsten Verwarnung eine Sperre. Bei Deutschland sind nur Khedira, Boateng und Özil vorbelastet. Erst nach dem Viertelfinale werden alle Gelben Karten gelöscht.

 

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