12. KAHNALYSE, Wales ./. Belgien am 1. Juli 2016

Klartext: Wer aufsteht, nachdem er bereits abgeschrieben war, kann für jede Menge Aufsehen sorgen. Ich glaube, bei Belgien passiert momentan genau das. Die Mannschaft ist noch enger zusammengerückt. Nach der 0:2-Auftaktpleite gegen Frankreich wollten einige Anhänger im eigenen Land am liebsten schon Marc Wilmots feuern. Genau diese Leute werden den belgischen Trainer nach dem Viertelfinale feiern, wenn es mit dem Halbfinale klappt. Die Konstellation spricht dafür. Gareth Bale sprintet meiner Einschätzung nach deshalb heute nur in eine Richtung – Richtung Urlaub.

 

Analyse: Geschwindigkeit kann heute entscheidend sein. Und ich denke dabei jetzt nicht an Bale. Ich denke an Belgien. Weil dort nicht ein Spieler mit hohem Tempo angreift, sondern gleich eine ganze Offensivabteilung. Besonders wenn Belgien kontern kann, wird es extrem gefährlich für den Gegner. Im Umschaltmoment wird der Ball bevorzugt auf die sofort startenden Angriffsspieler De Bruyne, Hazard oder Lukaku gespielt. Diese dribbeln in einem unglaublich hohen Tempo auf den Gegner zu und zwingen diesen so zu einer Reaktion. Je nachdem, wie dieser sich bewegt, gehen sie entweder ins Eins-gegen-eins oder suchen den Pass in den Lauf des Mitspielers. Bis zu einem Torabschluss dauert es dann meist nur wenige Sekunden. Im Achtelfinale ist Ungarn der eigene Offensivmut zum Verhängnis gegen den perfektionierten Konterfußball der technisch perfekt ausgebildeten Belgier geworden. Es wird interessant zu beobachten sein, ob die Waliser den Belgiern ebenfalls den Gefallen tun und versuchen, relativ hoch zu attackieren. Ich kann mir das kaum vorstellen, denn die Waliser werden mitbekommen haben, dass die Belgier gegen einen tiefstehenden Gegner durchaus große Probleme im Herausspielen eigener Torchancen haben. Somit werden sie wahrscheinlich aus einer 5-3-2-Grundordnung anlaufen, wobei sich die beiden Sechser oftmals direkt vor der Fünferkette aufhalten werden, um mindestens sieben Mann hinter dem Ball zu haben. Das Problem: Um selbst ein Tor zu erzielen, muss Wales sich im Spiel auch mal nach vorne wagen. Und dann dürfen sie den Ball auf keinen Fall verlieren.

 

Hintergrund: Belgien nimmt zum 17. Mal an einem großen Turnier (WM oder EM) teil, hat aber noch nie einen Titel gewonnen. Keine andere Nation war öfter bei einer großen Endrunde dabei, ohne dabei einmal einen Pokal zu holen. Wales ging in allen bisherigen vier Spielern mit 1:0 in Führung, kassierte bei dieser EM dann aber alle drei Gegentore nach dem Seitenwechsel und jedes Mal war dabei ein eingewechselter Spieler erfolgreich. Und Achtung: Bei den Belgiern stachen im Achtelfinale gleich zwei Joker. Apropos Tore: Bale könnte einen historischen EM-Rekord aufstellen. Drei direkte Freistoßtore gelangen noch keinem Spieler. Und zwei hat er schon.

 

News: Wales bangt um Kapitän und Abwehrchef Ashley Williams, der in der Schlussphase gegen Nordirland mit Teamkollege Jonathan Williams zusammenprallte. Er hielt die letzten Minuten nur mit angelegtem Arm durch, soll nun aber trotz Schulterverletzung zunächst auflaufen können. Die Belgier müssen definitiv auf Thomas Vermaelen verzichten. Er sah gegen Ungarn seine zweite Gelbe Karte im Turnier, ist gesperrt. Möglich, dass Trainer Marc Wilmots Vertonghen oder Meunier nach innen zieht oder eben auf die bisher gar nicht eingesetzten Verteidiger Denayer, Jordan Lukaku oder den nachnominierten Kabasele zurückgreift.

 

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