13. KAHNALYSE, Deutschland ./. Italien am 2. Juli 2016

Klartext: Mir gefällt die Art der Herangehensweise von Jogi Löw, der vor dem Spiel gegen Italien frischen Espresso bevorzugt statt kalten Kaffee. Das einzige Problem: Den Geschmack von kaltem Kaffee vergisst man so schnell nicht. Dass wir Italien bei einem Turnier bisher nicht besiegen konnten, kann zwar keiner mehr hören, schwebt aber wie eine kleine dunkle Wolke über diesem Spiel. Aber genau jetzt hilft uns die Erinnerung an den WM-Sieg in Brasilien, die das deutsche Team in der durchwachsenden Quali oft geschwächt hat. Nun kann diese Erinnerung die Mannschaft stärken. Die deutschen Spieler wissen: Sie sind in der Lage, jeden noch so schweren Gegner aus dem Weg zu räumen, wenn es um alles geht. Es muss ja nicht jedes Mal in einem 7:1 enden.

 

Analyse: Über das deutsche Team habe ich in meinen Analysen schon viel geschrieben. Ich möchte mein Augenmerk daher auf die Italiener legen, die so gar nicht mehr typisch italienisch spielen. Und plötzlich nicht nur gegen den Ball, sondern auch mit Ball richtig gut sind. Was auffällig anders ist bei Italien: Ihre Außenverteidiger rücken konsequent mit nach vorne und halten die Breite – ähnlich wie es Kimmich und Hector bei Deutschland tun. Hinten bleibt jedoch die erfahrene Juventus-Turin-Dreierkette um Boncucci, Barzagli und Chiellini zur Absicherung stehen, während die Halbraumspieler Giaccherini und Parolo sich fast immer nach vorne Richtung der Stürmer Eder und Pellè orientieren. Bemerkenswert: Es wird dann –  meist von Chiellini ausgehend – ziemlich direkt mit einem vertikalen Pass nach vorne gespielt, womit sofort viele gegnerische Spieler aus dem Spiel genommen werden. Zielspieler Pellè hat die Aufgabe, den Ball zu halten oder direkt weiterzuleiten – im Idealfall in den Lauf seines Sturmpartners Eder. Hinter den offensiven Laufwegen steckt ein klares Muster. Auffällig: Italien leitete alle fünf Tore des Turniers durch das Zentrum ein. Wenn die Italiener das Spiel mit vertikalen Pässen also ungehindert eröffnen können, wird es verdammt schwer für Deutschland. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Das deutsche Team muss die Italiener schon sehr früh und effektiv unter Druck setzen. Und sein Augenmerk bei eigenem Ballbesitz vermehrt auf die Flügel legen, wo sich aufgrund der hochstehenden, italienischen Außenverteidiger zwangläufig Räume ergeben werden.

 

Hintergrund: Achtmal trafen Deutschland und Italien bei Welt- und Europameisterschaften aufeinander. Es gab aus deutscher Sicht vier Niederlagen in K.o.-Spielen und vier Unentschieden in Gruppenspielen. Aber: Beim Testspiel am 29. März in München besiegte Deutschland Italien eindrucksvoll mit 4:1. Es war der erste Sieg gegen Italien seit 7 Begegnungen beziehungsweise seit über 20 Jahren. Und: Deutschland ist als einzige Mannschaft bei dieser EM noch ohne Gegentor. Erstmals überhaupt startete eine Nation damit übrigens mit vier Zu-Null-Spielen in eine EM.

 

News: Gleich 16 Spielern droht eine Gelb-Sperre für das mögliche Halbfinale. Bei Deutschland sahen Hummels, Boateng, Kimmich, Khedira und Özil bereits einmal Gelb. Bei einer weiteren Verwarnung müssten sie im Falle eines Sieges im Halbfinale zuschauen. Bei Italien müssen gleich elf Spieler aufpassen: Buffon, Sirigu, Bonucci, Barzagli, Chiellini, De Rossi (droht verletzt auszufallen), De Sciglio, Insigne, Eder, Pelle und Zaza. Thiago Motta sah bereits im Achtelfinale seine zweite Gelbe Karte, ist daher gegen Deutschland zum Zuschauen verdammt.

 

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