14. KAHNALYSE, Frankreich ./. Island am 3. Juli 2016

Klartext: Das Blöde an jeder schönen Reise ist, dass sie irgendwann zu Ende geht. Und für die Isländer ist die Reise ohnehin schon in die Verlängerung gegangen. Sie erlebten jetzt Bonustage in Frankreich, die sie sich mehr als verdient haben. Ich bin mir sicher, sie werden sich auch mit voller Begeisterung und Leidenschaft den Franzosen entgegenstemmen. Ich bin mir auch sicher, dass sie erneut am Ende des Spiels von Fußball-Europa gefeiert werden. Vielleicht nicht für das Halbfinale, aber für den Beweis, dass auch kleine Nationen zu großen Leistungen fähig sind.

 

Analyse: Die Isländer traten bei dieser EM viermal mit der gleichen Startelf an. Das hat den Vorteil, dass die Mannschaft perfekt aufeinander abgestimmt ist und viele Automatismen greifen. Und das nicht nur aus dem Spiel heraus, sondern auch bei Standards. Interessant: Bei Island sind Einwürfe auf Höhe des gegnerischen Sechzehners noch gefährlicher als Ecken. Der Grund: Kapitän Gunnarsson wirft so lang und präzise ein, wie nur die wenigsten Spieler flanken können. Das Muster ist immer das gleiche: Im Strafraum wartet auf dem ersten Pfosten Arnason, um den langen Einwurf per Kopf zu verlängern. Hinter ihm startet ein weiterer Isländer, um den Ball ins Tor zu befördern. Gegen England traf Sigurdsson so zum zwischenzeitlichen 1:1. Im zweiten Gruppenspiel gegen Österreich war Bödvarsson nach der einstudierten Variante erfolgreich. Irgendwie passt diese Einwurfstärke zu den Isländern: Sie spielen einfach, aber erfolgreich. Gegen Frankreich werden sie erneut im 4-4-2-System spielen und wieder darauf achten, die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen sehr gut und eng zu halten – und gleichzeitig unglaublich diszipliniert zu verschieben. Für Frankreich bedeutet das wahnsinnig viel Laufarbeit und viele Positionswechsel, um Lücken in die gegnerische Defensive zu reißen. Es ist ein Spiel, in dem neben der Geduld vor allem die individuelle Klasse eines Payet, Pogba, Griezman, Giroud oder auch Coman am Ende den Unterschied ausmachen kann.

 

Hintergrund: Seit dem Titelgewinn im Jahr 2000 ist Frankreich bei einer EM nicht mehr über ein Viertelfinale hinausgekommen. Aber: Die Franzosen sind seit 21 Turnierspielen im eigenen Land ohne Niederlage. Sie haben die letzten drei Turniere im eigenen Land alle gewonnen (EM 1984, WM 1998, Confed-Cup 2003). 2016 sind sie insgesamt noch ungeschlagen. Die Franzosen holten sieben Siege, spielten nur einmal Unentschieden. Beide Gegentore bei dieser EM kassierte Frankreich übrigens per Elfmeter. Und alle sechs Tore bei dieser EM erzielten die Franzosen erst nach der Pause. Island gewann noch nie gegen Frankreich.

 

News: Bei Frankreich fehlen zwei wichtige Defensivleute. Kanté und Rami sahen gegen Irland ihre jeweils zweite Gelbe Karte und sind daher im Viertelfinale gesperrt. Cabaye könnte Kante ersetzen. Möglich, dass der im Nationalteam völlig unerfahrene Umtiti für Rami aufläuft. Bei Island drohen gleich neun Spielern eine Gelb-Sperre für das mögliche Halbfinale: Sigurdsson, Gunnarsson, Skulason, Gudmundsson, Sigthorsson, Saevarsson, Halldorsson, Bjarnason und Arnason erhielten alle bereits eine Verwarnung im Turnier.

 

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