Klartext: Ja, die Engländer machen auf mich einen deutlich besseren Eindruck als vor den vergangenen großen Turnieren. Nein, sie zählen für mich trotzdem nicht zu den EM-Favoriten. Möglicherweise ist diese Konstellation prädestiniert für ein starkes Auftaktmatch, zumal mit Russland der Gegner keine Übermannschaft ist. Drei Punkte für die Three Lions wären also normal. Doch was ist bei den Engländern, ich denke nur an Sensationsmeister Leicester City, schon normal?

 

Analyse: Wayne Rooney ist für die Engländer nicht nur eine identitätsstiftende Figur, sondern nach wie vor auch ihr Schlüsselspieler im Herausarbeiten von Torchancen. Er bewegt sich stets zwischen der Mittelfeld- und Abwehrkette des Gegners, um sich entweder durch einen Vertikalpass anspielen zu lassen oder um nach einem Spiel über den Flügel den Rückraum zu besetzen. Von dieser Position aus kann er entweder einen der beiden Stürmer mit einem Pass in die Schnittstelle bedienen oder auf einen eigenen Abschluss aus der zweiten Reihe gehen. Auch eine Option, die Rooney gerne nutzt: Er läuft aus seiner zentralen Position in die Schnittstelle der gegnerischen Viererkette und stellt die Innenverteidiger damit vor große Probleme bei der Zuordnung. Doch England ist nicht nur Rooney. Dank der jungen und schnellen Sterling, Barkley, Rashford und Kane sind die Engländer viel variabler und gerade im Konterspiel deutlich gefährlicher geworden. Um nicht überrannt zu werden, gehe ich davon aus, dass Russland aus einem kompakten 4-4-1-1-System anlaufen wird, wobei sich die äußeren Mittelfeldspieler immer weit zurückfallen lassen. Interessant wird die Rolle von Rechtsverteidiger Smolnikov werden. Er steht zumeist sehr hoch und neigt im eigenen Spielaufbau zu riskanten Dribblings. Einerseits kann er damit offensiv Akzente setzen. Andererseits bietet er in seinem Rücken Räume an, die gerade für die dynamischen Engländer dankbar sein können.

Hintergrund: England nahm bisher an acht Europameisterschaften teil, konnte aber noch nie das erste Spiel eines Turniers gewinnen. In der Start-Bilanz stehen vier Unentschieden und vier Niederlagen. So viel zum Thema Engländer und normal. Die Russen kamen in der direkten EM-Vorbereitung aus dem Tritt, sind seit drei Länderspielen sieglos. Die Ergebnisse: 2:2 gegen Frankreich, 1:2 gegen Tschechien und 1:1 gegen Serbien.

 

News: Ray Lewington, Co-Trainer von Roy Hodgson, zeigte unabsichtlich vor dem Spiel Teile der voraussichtlichen, englischen Aufstellung auf einem Papier. Vieles deutet daraufhin, dass Dier im defensiven Mittelfeld beginnt und Kane und Vardy im Sturm spielen. Dazu Sterling und Barkley auf den Außenbahnen, Rooney und Alli dahinter.

 

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