Klartext: Je näher das erste Spiel der deutschen Mannschaft rückt, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass die Fans im eigenen Land Jogi Löw und sein Team bereits als Europameister feiern. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass diese Stimmungslage auch innerhalb der Mannschaft vorherrscht. Im Gegenteil. Unsere Mannschaft weiß, dass sie nach dem gewonnen WM-Titel 2014 nur selten überzeugt hat und sich jeden einzelnen Sieg wieder hart erarbeiten muss – vor allem heute gegen die Ukraine. Ich erwarte daher mehr Gedulds- als Gala-Fußball.

 

Analyse: Ich denke, alle Fußballer kennen das beliebte Kreis- beziehungsweise Eckespiel, auch 4 gegen 2 genannt. Diese eigentliche Trainingsform muss die deutsche Mannschaft heute im Spiel umsetzen. Und zwar mit höchster Laufbereitschaft und Flexibilität. Die 4-gegen-2-Situation kann gegen die Ukraine des Öfteren vor deren tiefstehenden Vierer-Abwehrkette entstehen. Im Idealfall immer dann, wenn Kroos sich im Spielaufbau auf der halblinken Position zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger fallen lässt und dort den Ball bekommt. Weil unsere beiden Außenverteidiger hoch schieben, rücken die Flügelspieler, möglicherweise Müller und Draxler, ein und schaffen dadurch gemeinsam mit Khedira und Özil eine Überzahl im Zentrum – das 4 gegen 2 entsteht. Wenn diese Spieler im imaginären Viereck ständig in Bewegung sind und Positionswechsel forcieren, können die Ukrainer dort nur Raumdeckung betreiben. Die deutschen Spieler gewinnen dadurch bei einem Anspiel einen Zeitvorsprung, der für den tödlichen Pass aus dem Zentrum oder einen eigenen Abschluss aus der Distanz entscheidend sein kann. Wird das 4 gegen 2 jedoch zu statisch gespielt, wird es die Ukraine leicht haben, das Zentrum zu verteidigen und den Ball zu erobern. Dann drohen gefährliche Konter gegen unsere aufgerückte Mannschaft. Besonders die dynamischen Außenspieler Konoplyanka und Yarmolenko schalten schnell um, ziehen in der Vorwärtsbewegung auch gerne ins Zentrum und suchen den direkten Weg zum Tor. Und mit Gegentreffern, die aus diesen Situationen nach Ballverlusten entstehen, haben wir zuletzt ja leider schlechte Erfahrungen machen müssen.

Hintergrund: Wir sind gute Turnier-Starter. Das erste Spiel bei einer EM hat Deutschland noch nie verloren. In der Bilanz finden sich sechs Siege, zuletzt 2012 das 1:0 gegen Portugal, und fünf Unentschieden wieder. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Ukraine in bisher fünf Länderspielen gegen Deutschland zwar noch nie gewinnen konnte, aber immerhin drei Unentschieden schaffte. Auch das spricht eher gegen eine vielleicht von außen erwartete Auftaktgala des Weltmeisters. Die Ukraine belegte in der EM-Quali übrigens nur Gruppenplatz drei hinter Spanien und der Slowakei. Sie setzte sich dann aber in den Playoff-Spielen gegen Slowenien relativ souverän durch – mit einem 2:0-Heimsieg und einem 1:1 auswärts.

 

News: Anfang Mai lieferten sich einige ukrainische Nationalspieler beim Liga-Topspiel zwischen Donezk und Kiew wüste Schlägereien. Nun müssen sie ein Team bilden. Sechs Profis von Donezk und fünf Profis von Kiew stehen im Kader der Ukraine.

 

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