Klartext: Es hat sich ganz schön was getan in Österreich. Unser Nachbar ist fußballerisch erwachsen geworden und tritt mit einer eingespielten Mannschaft an, die einen klaren Plan verfolgt. Wenn alles passt, können die Österreicher eine Haupt- statt nur eine Nebenrolle bei dieser EM spielen. Doch wie reif sind sie wirklich? Das ÖFB-Team startet als Weltranglisten-Zehnter mit viel Selbstvertrauen ins Turnier.

 

Analyse: Wen wundert es schon bei so vielen Spielern mit Bundesliga-Erfahrung: Die Österreicher spielen deutsch. Sie sind auf viel Ballbesitz fixiert und agieren mit vielen Positionswechseln im Mittelfeld, um die gegnerische Ordnung zu stören und Überzahlsituationen herzustellen. Ganz anders als in der Bundesliga agiert dagegen David Alaba, den wir vom FC Bayern ja eigentlich als Linksverteidiger kennen. Im ÖFB-Team spielt Alaba im Zentrum auf der Doppelsechs neben Baumgartlinger und interpretiert diese Rolle ziemlich offensiv. Besonders gut ist das im hohen Mittelfeldpressing bzw. im Angriffspressing der Österreicher zu erkennen. Dann schiebt Alaba hoch und läuft die gegnerischen Aufbauspieler mit Tempo an. Nur Baumgartlinger bleibt in diesen Situationen als einziger Mittelfeldspieler wirklich tief stehen. Generell üben Alaba und Co. in allen Zonen des Spielfeldes viel Druck auf den Gegner aus und suchen nach Ballgewinn besonders gerne den schnellen Linksaußen Arnautovic, der dann entweder selbst einrückt und den Abschluss sucht oder den Ball für nachrückende Spieler festmacht. Welch große Probleme Ungarn mit dieser dominanten Spielweise hat, ist vielen sicherlich noch aus dem EM-Test vor zehn Tagen gegen Deutschland bekannt. Zwar findet sich auf dem Papier eine 4-4-2-Grundordnung wieder. Häufig lässt sich zusätzlich jedoch noch einer der beiden äußeren Mittelfeldspieler nach hinten fallen, so dass schnell ein 5-3-2-Bollwerk entsteht. Gegen Deutschland probierte es Ungarn situativ auch mit einer Sechser-Abwehrkette. Die Folge ist dann eine permanente Unterzahl im Mittelfeld. Die passive auf Kompaktheit ausgelegte Spielweise der Ungarn ohne echte spielerische Qualität dürfte niemand von den Sitzen reißen.

 

Hintergrund: Die Österreicher, die in der Quali 28 von 30 möglichen Punkten holten, haben sich zum ersten Mal überhaupt sportlich für eine EM-Endrunde qualifiziert. 2008 waren sie als Co-Gastgeber des Turniers automatisch dabei, schieden aber mit nur einem mickrigen Punkt in der Vorrunde aus. Die Teilnahme-Bilanz der Ungarn fällt noch schlechter aus. Sie waren das letzte Mal 1972 bei einer EM dabei – vor 44 Jahren.

 

News: Ösi-Topstürmer Marc Janko scheint rechtzeitig fit zu werden. Er hatte zuletzt wegen muskulären Problemen nicht mit der Mannschaft trainieren können. Sein Mannschaftskollege und Darmstadt-Verteidiger György Garcis kündigte unterdessen an, möglicherweise beide Nationalhymnen zu singen. Garcis ist in Ungarn geboren.

 

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