Klartext: Zum ersten Mal kann Frankreich dank zweier Auftaktsiege und der schon sicheren Qualifikation für die K.o.-Runde ohne Mega-Druck aufspielen. Etwas weniger Druck ermöglicht etwas mehr Spielfreude, so dass ich heute zum ersten Mal auch Glanz im Spiel des Gastgebers erwarte. Und das obwohl es gegen den schwersten Gegner in der Gruppe geht. Die Schweizer hadern trotz ihrer vier Punkte, weil ihnen immer noch der Absturz auf Platz drei in der Gruppe droht. Der Hauptgrund dafür: Ihre Chancenauswertung ist bislang Käse. Dass diese ausgerechnet gegen Frankreich besser wird, kann ich mir nur schwer vorstellen.

 

Analyse: Weil ich erwarte, dass die Franzosen das Spiel machen, richte ich meinen Fokus zunächst auf sie. Besser gesagt, auf Dimitri Payet, der sicherlich bisher eine der größten EM-Lichtblicke ist. Was ihn so wertvoll macht? Seine Raffinesse. Seine Beidfüßigkeit. Seine Freiheit auf dem Platz – und wie er diese nutzt. Gefühlt ist Payet ein Zehner, der über links kommt. Oder eben ein linker Flügelspieler, der im Zentrum agiert. Diese enorme Flexibilität macht es dem Gegner so schwer, ihn zu kontrollieren. In der Spieleröffnung ist er meist im Zentrum unterwegs, um sich flach anspielen zu lassen. Hat er den Ball abgespielt, ist er aber schnell wieder in einem anderen Raum unterwegs. Seine Fähigkeit, Lücken zu suchen und diese dann auch zu besetzen, ist enorm. Er bringt damit nicht nur den Gegner ins Laufen, sondern gleichzeitig auch den Ball bei den Franzosen ins Rollen. Ich bezeichne Payet aus diesem Grund als Frankreichs Tempomacher, von dem die gesamte Mannschaft profitiert und der zudem auch noch gefährliche Standards schießt. Für die Schweiz heißt das vor allem defensiv Schwerstarbeit. Dabei hatten sie hinten schon gegen Albanien und Rumänien Probleme. Auffällig: Die Innenverteidigung um Djourou und Schär zeigte Schwächen im Stellungsspiel. Beide standen häufig auf einer Höhe, sicherten selten die Tiefe. Rechtsverteidiger Lichtensteiner offenbarte ebenfalls Defizite, die Payet nicht entgangen sein dürften. Im eigenen Ballbesitz schlagen die Schweizer den Ball in der Regel nicht einfach planlos nach vorne, sondern suchen ebenfalls nach spielerischen Lösungen über Behrami und Xhaka. Das technisch anspruchsvolle Aufbauspiel haben die Eidgenossen jedoch noch nicht perfektioniert, so dass sie für Fehler anfällig sind, wenn der Gegner aggressiv presst. Gelingt es der Schweiz, zu kontern, muss Frankreich auf Shaqiri achten. Der ehemalige Bayern-Star ist der Zielspieler bei diesen Aktionen und sucht mit Tempo sofort den Weg in die Spitze, um dort ins Eins-gegen-eins zu gehen.

 

Hintergrund: Zum dritten Mal sind die Franzosen bei einer EM mit zwei Siegen gestartet. Zuvor gelang ihnen das nur 1984 und 2000. Und Achtung: Beide Male holte Frankreich am Ende den Titel. Die Schweizer steigerten sich zwar im Laufe des Spiels gegen Rumänien, aber nutzen weiterhin ihre Chancen nicht. Die bisherigen 34 Torschüsse im Turnier reichten nur für zwei Treffern. Und die fielen nach Ecken.

 

News: Frankfurts Seferovic ist in der Startelf der Schweizer nicht unumstritten. Gut möglich, dass Embolo für ihn gegen Frankreich beginnt. Bei den Franzosen muss Martial, der gegen Albanien ran durfte, wohl wieder auf die Bank. Auch Coman ist trotz guter Leistung im zweiten Match ein Wackelkandidat. Pogba und Griezmann drängen darauf, wieder von Anfang an zu spielen.

 

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