Klartext: Die Führungsspieler-Debatte, die nach dem 0:0 gegen Polen wie zu jedem Turnier aufgekommen ist, wirkt geradezu grotesk und lächerlich. In der deutschen Mannschaft gibt es eine klare Hierarchie, die von starken Persönlichkeiten geprägt ist. Was fehlt, ist ein besseres Offensivspiel und eine Veränderung, die unsere Mannschaft schon gegen Nordirland wieder unberechenbarer macht. Das Gute: Das Spiel nach vorne ist bei der Qualität im Kader innerhalb weniger Trainingstage veränder- und damit auch verbesserbar.

 

Analyse: Mir ist bewusst, dass Jogi Löw sich bereits entschieden hat, auch gegen Nordirland wieder mit einer Viererkette zu agieren. Im letzten Spiel war erkennbar, dass die polnische Mannschaft ganz genau unsere Abläufe kannte: Kroos eröffnet, die Außenspieler schieben ins Zentrum, dort versuchen wir uns durchzukombinieren. Darauf wird sich auch Nordirland einstellen.

Deshalb möchte ich zumindest als Diskussionsthema die Möglichkeiten, die uns eine Dreierkette heute eröffnen würde, einmal beleuchten. Ich halte sie nämlich für eine sehr gute Alternative. Erstens, weil ich davon überzeugt bin, dass die Nordiren sehr defensiv gegen uns antreten werden, hinten wahrscheinlich sogar mit einer Fünferkette spielen. Damit würde die deutsche Mannschaft auch mit drei starken Verteidigerin – ich denke an Hummels, Boateng und Höwedes – stabil stehen. Zweitens, weil sich Kroos in der Spieleröffnung nicht immer zurückfallen lassen müsste, sondern schon im Mittelfeld platziert wäre, was uns dort Überzahl schaffen würde. Drittens, weil uns das angedachte 3-5-2-System erlauben würde, mit zwei klaren Strafraumstürmern zu spielen. So könnte Gomez ganz vorne drin agieren – und Müller um ihn herum mit allen Freiheiten. Wir würden die echte und die falsche Neun also zu einem richtigen Sturmduo umfunktionieren. Viertens, weil unsere Außenpositionen stärker gemacht werden könnten. Das Wirkungsfeld dieser Spieler würde sich vom eigenen bis zum gegnerischen Sechszehner erweitern. Sie müssten richtig marschieren, würden eine sehr zentrale Rolle einnehmen und müssten daher defensiv wie offensiv ihre Stärken haben. Mir käme für diese Rolle auf rechts Emre Can in den Kopf. Von daher wäre für mich folgende Aufstellung interessant: Neuer im Tor. Hummels, Boateng und Höwedes in der Abwehr. Khedira, Kroos, Can, Özil und Hector im Mittelfeld. Müller und Gomez in der Spitze. Und noch einen positiven Ansatz würde uns die Dreierkette bringen: Die deutsche Mannschaft würde sich ihre taktische Flexibilität im Turnier behalten.

 

Hintergrund: Wieder mal hängt bei der deutschen Mannschaft das Weiterkommen vom letzten Spiel ab. Aber bei diesem ist auf unsere Mannschaft Verlass. Unter Löw gewann Deutschland in den vergangenen vier Turnieren immer das letzte Gruppenspiel, auch wenn stets knapp mit nur einem Tor Differenz. In Zahlen sieht das so aus: 2014 gegen die USA mit 1:0, 2012 gegen Dänemark mit 2:1, 2010 gegen Ghana mit 1:0 und 2008 gegen Österreich ebenfalls mit 1:0. Die Gesamtbilanz der Nordiren gegen Deutschland fällt ernüchternd aus. Von 14 Spielen konnten sie nur 2 gewinnen, die letzten 4 Partien haben sie allesamt verloren.

 

News: Löw vertraut weiterhin auf eine Viererkette in der Abwehr, aber er wird in der Startelf personelle Änderungen vornehmen. Möglich, dass Gomez von Beginn an ran darf. Und auch Sané darf sich Hoffnungen machen. Bei den Nordiren könnte 1,93-Meter-Stürmer Lafferty zurück ins Team kommen. Er saß im zweiten Spiel der Nordiren nur auf der Bank.

 

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