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Klartext: Wenn ich ein Spiel bei dieser EM verlegen könnte, dann würde ich dieses wählen. Und es auf den 10. Juli datieren – den Finaltag. Das Team von Jogi Löw nimmt das Wissen mit in die Halbfinalpartie mit Italien schon einen ganz großen Gegner und Mitfavoriten ausgeschaltet zu haben und Spiele auch im Elfmeterschießen für sich entscheiden zu können. Das muss die Mannschaft von Didier Deschamps erst noch beweisen.

 

Analyse: Ich habe in meinen Kahnalysen ja schon öfter die Wichtigkeit von Gomez für das deutsche Spiel erwähnt. Und auch gegen Frankreich braucht Deutschland ihn, auch wenn er gar nicht spielen kann. Was ich damit meine ist, dass das DFB-Team den Typ Gomez braucht. Einen echten Stürmer, der aufgrund seiner Robustheit Präsenz im gegnerischen Strafraum hat – und gleichzeitig immer Torgefahr ausstrahlt. Einen Stürmer, bei dem es sich beide Innenverteidiger des Gegners nicht trauen, ihn aus den Augen zu lassen, womit Lücken für andere Offensivspieler im Sechzehner entstehen. Einen Stürmer, den man sowohl flach aus dem Zentrum als auch per Flanke von außen bedienen kann. Einen Stürmer, der immer geil auf Tore ist. Das Gute ist: Deutschland hat diesen Spielertyp. Sein Name ist Thomas Müller. Er verkörpert viele Merkmale, die auch Gomez besitzt. Mit dem Unterschied, dass Müller normalerweise viel weitere Wege geht, sich extrem viel in den Räumen um den Strafraum herumbewegt und eigentlich überall anspielbar ist. Fakt: Das ist eine überragende Qualität und ist auch ganz essenziell für das Spiel von Müller. Doch in diesem einen Spiel könnte Müller vielleicht etwas mehr Gomez sein: Weniger Wege machen, dafür mehr die Position im Strafraum halten. Weniger Räume suchen, dafür mehr Räume aufreißen. Klar, dafür müsste Jogi Löw ihn als echte Neun aufstellen. Es mag ja auch sein, dass der Bundestrainer eine ganz andere Idee im Kopf hat – ich denke da nur an Mario Götze. Und bei allen Sturmgedanken darf man ja auch nicht vergessen, dass die Franzosen ebenfalls über richtig gute Offensivleute verfügen. Besonders wenn diese über ihre rechte Seite kommen, gilt es, aufzupassen. Gleich neun ihrer elf bisherigen EM-Tore leitete Frankreich mit Angriffen über diese Spielfeldhälfte ein. Doch die Franzosen sind nicht nur über ihre Schokoladenseite gefährlich, sondern auch per Kopf. Fünf der elf Treffer erzielten sie per Kopf. Wenn man sich die Statistik anschaut, ist das keine Überraschung. Die Franzosen sind das kopfballstärkste Team des Turniers, gewannen 62 Prozent ihrer Luftduelle.

 

Hintergrund: Frankreich steht erstmals seit 16 Jahren wieder in einem EM-Halbfinale. Und ist in diesem Jahr immer noch ungeschlagen – acht Siege und ein Unentschieden. Deutschland und Frankreich treffen zum ersten Mal bei einer EM-Endrunde aufeinander. Die bisherigen vier Pflichtspielduelle fanden alle bei Weltmeisterschaften statt.

 

News: Deutschland muss gleich auf drei Stammkräfte verzichten. Gomez und Khedira fallen wegen Verletzungen aus. Hummels ist gelbgesperrt. Schweinsteiger ist wohl einsatzbereit. Wenn nicht könnte Löw Weigl das Vertrauen schenken, zudem könnte Götze zurück in die Startelf kehren. Bei Frankreich sind sowohl Rami als auch Kanté nach ihren im Viertelfinale abgesessenen Gelbsperren wieder spielberechtigt und könnten für Umtiti und Sissoko zurück ins Team kommen. Das Spiel leitet Nicola Rizolli. Vielleicht ein gutes Omen für Deutschland: Der Schiedsrichter pfiff vor zwei Jahren den 1:0-Sieg im WM-Finale gegen Argentinien.

 

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Klartext: Das Blöde an jeder schönen Reise ist, dass sie irgendwann zu Ende geht. Und für die Isländer ist die Reise ohnehin schon in die Verlängerung gegangen. Sie erlebten jetzt Bonustage in Frankreich, die sie sich mehr als verdient haben. Ich bin mir sicher, sie werden sich auch mit voller Begeisterung und Leidenschaft den Franzosen entgegenstemmen. Ich bin mir auch sicher, dass sie erneut am Ende des Spiels von Fußball-Europa gefeiert werden. Vielleicht nicht für das Halbfinale, aber für den Beweis, dass auch kleine Nationen zu großen Leistungen fähig sind.

 

Analyse: Die Isländer traten bei dieser EM viermal mit der gleichen Startelf an. Das hat den Vorteil, dass die Mannschaft perfekt aufeinander abgestimmt ist und viele Automatismen greifen. Und das nicht nur aus dem Spiel heraus, sondern auch bei Standards. Interessant: Bei Island sind Einwürfe auf Höhe des gegnerischen Sechzehners noch gefährlicher als Ecken. Der Grund: Kapitän Gunnarsson wirft so lang und präzise ein, wie nur die wenigsten Spieler flanken können. Das Muster ist immer das gleiche: Im Strafraum wartet auf dem ersten Pfosten Arnason, um den langen Einwurf per Kopf zu verlängern. Hinter ihm startet ein weiterer Isländer, um den Ball ins Tor zu befördern. Gegen England traf Sigurdsson so zum zwischenzeitlichen 1:1. Im zweiten Gruppenspiel gegen Österreich war Bödvarsson nach der einstudierten Variante erfolgreich. Irgendwie passt diese Einwurfstärke zu den Isländern: Sie spielen einfach, aber erfolgreich. Gegen Frankreich werden sie erneut im 4-4-2-System spielen und wieder darauf achten, die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen sehr gut und eng zu halten – und gleichzeitig unglaublich diszipliniert zu verschieben. Für Frankreich bedeutet das wahnsinnig viel Laufarbeit und viele Positionswechsel, um Lücken in die gegnerische Defensive zu reißen. Es ist ein Spiel, in dem neben der Geduld vor allem die individuelle Klasse eines Payet, Pogba, Griezman, Giroud oder auch Coman am Ende den Unterschied ausmachen kann.

 

Hintergrund: Seit dem Titelgewinn im Jahr 2000 ist Frankreich bei einer EM nicht mehr über ein Viertelfinale hinausgekommen. Aber: Die Franzosen sind seit 21 Turnierspielen im eigenen Land ohne Niederlage. Sie haben die letzten drei Turniere im eigenen Land alle gewonnen (EM 1984, WM 1998, Confed-Cup 2003). 2016 sind sie insgesamt noch ungeschlagen. Die Franzosen holten sieben Siege, spielten nur einmal Unentschieden. Beide Gegentore bei dieser EM kassierte Frankreich übrigens per Elfmeter. Und alle sechs Tore bei dieser EM erzielten die Franzosen erst nach der Pause. Island gewann noch nie gegen Frankreich.

 

News: Bei Frankreich fehlen zwei wichtige Defensivleute. Kanté und Rami sahen gegen Irland ihre jeweils zweite Gelbe Karte und sind daher im Viertelfinale gesperrt. Cabaye könnte Kante ersetzen. Möglich, dass der im Nationalteam völlig unerfahrene Umtiti für Rami aufläuft. Bei Island drohen gleich neun Spielern eine Gelb-Sperre für das mögliche Halbfinale: Sigurdsson, Gunnarsson, Skulason, Gudmundsson, Sigthorsson, Saevarsson, Halldorsson, Bjarnason und Arnason erhielten alle bereits eine Verwarnung im Turnier.

 

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Klartext: Mir gefällt die Art der Herangehensweise von Jogi Löw, der vor dem Spiel gegen Italien frischen Espresso bevorzugt statt kalten Kaffee. Das einzige Problem: Den Geschmack von kaltem Kaffee vergisst man so schnell nicht. Dass wir Italien bei einem Turnier bisher nicht besiegen konnten, kann zwar keiner mehr hören, schwebt aber wie eine kleine dunkle Wolke über diesem Spiel. Aber genau jetzt hilft uns die Erinnerung an den WM-Sieg in Brasilien, die das deutsche Team in der durchwachsenden Quali oft geschwächt hat. Nun kann diese Erinnerung die Mannschaft stärken. Die deutschen Spieler wissen: Sie sind in der Lage, jeden noch so schweren Gegner aus dem Weg zu räumen, wenn es um alles geht. Es muss ja nicht jedes Mal in einem 7:1 enden.

 

Analyse: Über das deutsche Team habe ich in meinen Analysen schon viel geschrieben. Ich möchte mein Augenmerk daher auf die Italiener legen, die so gar nicht mehr typisch italienisch spielen. Und plötzlich nicht nur gegen den Ball, sondern auch mit Ball richtig gut sind. Was auffällig anders ist bei Italien: Ihre Außenverteidiger rücken konsequent mit nach vorne und halten die Breite – ähnlich wie es Kimmich und Hector bei Deutschland tun. Hinten bleibt jedoch die erfahrene Juventus-Turin-Dreierkette um Boncucci, Barzagli und Chiellini zur Absicherung stehen, während die Halbraumspieler Giaccherini und Parolo sich fast immer nach vorne Richtung der Stürmer Eder und Pellè orientieren. Bemerkenswert: Es wird dann –  meist von Chiellini ausgehend – ziemlich direkt mit einem vertikalen Pass nach vorne gespielt, womit sofort viele gegnerische Spieler aus dem Spiel genommen werden. Zielspieler Pellè hat die Aufgabe, den Ball zu halten oder direkt weiterzuleiten – im Idealfall in den Lauf seines Sturmpartners Eder. Hinter den offensiven Laufwegen steckt ein klares Muster. Auffällig: Italien leitete alle fünf Tore des Turniers durch das Zentrum ein. Wenn die Italiener das Spiel mit vertikalen Pässen also ungehindert eröffnen können, wird es verdammt schwer für Deutschland. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Das deutsche Team muss die Italiener schon sehr früh und effektiv unter Druck setzen. Und sein Augenmerk bei eigenem Ballbesitz vermehrt auf die Flügel legen, wo sich aufgrund der hochstehenden, italienischen Außenverteidiger zwangläufig Räume ergeben werden.

 

Hintergrund: Achtmal trafen Deutschland und Italien bei Welt- und Europameisterschaften aufeinander. Es gab aus deutscher Sicht vier Niederlagen in K.o.-Spielen und vier Unentschieden in Gruppenspielen. Aber: Beim Testspiel am 29. März in München besiegte Deutschland Italien eindrucksvoll mit 4:1. Es war der erste Sieg gegen Italien seit 7 Begegnungen beziehungsweise seit über 20 Jahren. Und: Deutschland ist als einzige Mannschaft bei dieser EM noch ohne Gegentor. Erstmals überhaupt startete eine Nation damit übrigens mit vier Zu-Null-Spielen in eine EM.

 

News: Gleich 16 Spielern droht eine Gelb-Sperre für das mögliche Halbfinale. Bei Deutschland sahen Hummels, Boateng, Kimmich, Khedira und Özil bereits einmal Gelb. Bei einer weiteren Verwarnung müssten sie im Falle eines Sieges im Halbfinale zuschauen. Bei Italien müssen gleich elf Spieler aufpassen: Buffon, Sirigu, Bonucci, Barzagli, Chiellini, De Rossi (droht verletzt auszufallen), De Sciglio, Insigne, Eder, Pelle und Zaza. Thiago Motta sah bereits im Achtelfinale seine zweite Gelbe Karte, ist daher gegen Deutschland zum Zuschauen verdammt.

 

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Klartext: Wer aufsteht, nachdem er bereits abgeschrieben war, kann für jede Menge Aufsehen sorgen. Ich glaube, bei Belgien passiert momentan genau das. Die Mannschaft ist noch enger zusammengerückt. Nach der 0:2-Auftaktpleite gegen Frankreich wollten einige Anhänger im eigenen Land am liebsten schon Marc Wilmots feuern. Genau diese Leute werden den belgischen Trainer nach dem Viertelfinale feiern, wenn es mit dem Halbfinale klappt. Die Konstellation spricht dafür. Gareth Bale sprintet meiner Einschätzung nach deshalb heute nur in eine Richtung – Richtung Urlaub.

 

Analyse: Geschwindigkeit kann heute entscheidend sein. Und ich denke dabei jetzt nicht an Bale. Ich denke an Belgien. Weil dort nicht ein Spieler mit hohem Tempo angreift, sondern gleich eine ganze Offensivabteilung. Besonders wenn Belgien kontern kann, wird es extrem gefährlich für den Gegner. Im Umschaltmoment wird der Ball bevorzugt auf die sofort startenden Angriffsspieler De Bruyne, Hazard oder Lukaku gespielt. Diese dribbeln in einem unglaublich hohen Tempo auf den Gegner zu und zwingen diesen so zu einer Reaktion. Je nachdem, wie dieser sich bewegt, gehen sie entweder ins Eins-gegen-eins oder suchen den Pass in den Lauf des Mitspielers. Bis zu einem Torabschluss dauert es dann meist nur wenige Sekunden. Im Achtelfinale ist Ungarn der eigene Offensivmut zum Verhängnis gegen den perfektionierten Konterfußball der technisch perfekt ausgebildeten Belgier geworden. Es wird interessant zu beobachten sein, ob die Waliser den Belgiern ebenfalls den Gefallen tun und versuchen, relativ hoch zu attackieren. Ich kann mir das kaum vorstellen, denn die Waliser werden mitbekommen haben, dass die Belgier gegen einen tiefstehenden Gegner durchaus große Probleme im Herausspielen eigener Torchancen haben. Somit werden sie wahrscheinlich aus einer 5-3-2-Grundordnung anlaufen, wobei sich die beiden Sechser oftmals direkt vor der Fünferkette aufhalten werden, um mindestens sieben Mann hinter dem Ball zu haben. Das Problem: Um selbst ein Tor zu erzielen, muss Wales sich im Spiel auch mal nach vorne wagen. Und dann dürfen sie den Ball auf keinen Fall verlieren.

 

Hintergrund: Belgien nimmt zum 17. Mal an einem großen Turnier (WM oder EM) teil, hat aber noch nie einen Titel gewonnen. Keine andere Nation war öfter bei einer großen Endrunde dabei, ohne dabei einmal einen Pokal zu holen. Wales ging in allen bisherigen vier Spielern mit 1:0 in Führung, kassierte bei dieser EM dann aber alle drei Gegentore nach dem Seitenwechsel und jedes Mal war dabei ein eingewechselter Spieler erfolgreich. Und Achtung: Bei den Belgiern stachen im Achtelfinale gleich zwei Joker. Apropos Tore: Bale könnte einen historischen EM-Rekord aufstellen. Drei direkte Freistoßtore gelangen noch keinem Spieler. Und zwei hat er schon.

 

News: Wales bangt um Kapitän und Abwehrchef Ashley Williams, der in der Schlussphase gegen Nordirland mit Teamkollege Jonathan Williams zusammenprallte. Er hielt die letzten Minuten nur mit angelegtem Arm durch, soll nun aber trotz Schulterverletzung zunächst auflaufen können. Die Belgier müssen definitiv auf Thomas Vermaelen verzichten. Er sah gegen Ungarn seine zweite Gelbe Karte im Turnier, ist gesperrt. Möglich, dass Trainer Marc Wilmots Vertonghen oder Meunier nach innen zieht oder eben auf die bisher gar nicht eingesetzten Verteidiger Denayer, Jordan Lukaku oder den nachnominierten Kabasele zurückgreift.

 

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Klartext: Könnt ihr euch noch an die Wasserschlacht gegen die Slowakei in Augsburg erinnern? Gut, dann könnt ihr das alles jetzt sofort wieder vergessen. Das Duell heute wird mit dem Spiel von vor vier Wochen genauso viel zu tun haben wie das Achtelfinale mit Österreich – nämlich nichts. Die deutsche Mannschaft befand sich damals noch im Trainingsmodus, ist aber mittlerweile voll im EM-Modus angekommen. Aber Vorsicht: Die Slowakei ist deutlich stärker als Nordirland. Nochmal so viele Chancen nicht zu nutzen, kann sich das DFB-Team nicht leisten, wenn es im Turnier bleiben möchte.

 

Analyse: Kleine Umstellungen können große Wirkung haben. Das belegte die Hereinnahme von Kimmich und Gomez in die deutsche Startelf. Die Folge: Die Rückkehr der deutschen Flexibilität in der Offensive, die zu Turnierbeginn so vermisst wurde. Kimmich interpretiert die Rolle des Außenverteidigers wesentlich offensiver als Höwedes und schiebt im Ballbesitz der deutschen Mannschaft bis auf die die Höhe der gegnerischen Abwehrkette. Hector führt diese Aktion auf der linken Seite ebenfalls aus, so dass es Deutschland nun auch möglich ist, neben dem Zentrum auch über beide Flügel zu agieren und zu kombinieren. Gegen die Nordiren, die hauptsächlich ihren eigenen Strafraum sicherten, funktionierte das hervorragend. Für Kimmich und Hector ergaben sich immer wieder Räume auf dem Flügel. Allerdings schlugen beide nicht nur Flanken, sondern suchten auch immer wieder die spielerische Lösung im Angriffsspiel. Wichtig war dabei, dass sich zentral Özil, Götze und Khedira intensiv zwischen den Reihen des Gegners bewegten und durch die vielen Positionswechsel Unordnung bei Nordirland verursachten. Dadurch war es Deutschland auch möglich, durchs Zentrum für Gefahr sorgen und auch aus diesen Positionen heraus Gomez und Müller in Szene zu setzen. Die spielerische Flexibilität der deutschen Mannschaft hatte auch viel mit den beiden Stürmern zu tun. Müller bewegte sich viel um Gomez herum und war ein weiterer, körperlich sehr präsenter Zielspieler im Strafraum. Der Vorteil ist, dass Müller und Gomez somit automatisch gleich mehrere Verteidiger im Sechzehner binden und somit auch Räume für ihre Mitspieler öffnen. Die Slowakei hat defensiv zwar ähnliche Probleme wie Nordirland (die Bindung zwischen den Ketten und zwischen einzelnen Spielern stimmt oftmals nicht), aber nach vorne deutlich mehr Qualität. Hamsik und Weiss sind dabei die absoluten Schlüsselspieler, weil sie nicht nur an der Spieleröffnung, sondern auch im Herausspielen von Torchancen entscheidend beteiligt sind. Die Zahlen belegen das eindrucksvoll: Hamsik war bisher an 15 der 26 Torschüsse und an zwei von drei Toren beteiligt. Weiss kann mit ähnlichen Zahlen aufwarten (Beteiligung bei 11 von 26 Torschüssen und ebenfalls von zwei der drei Treffer). Und ich warne vor den Standards der Slowaken. Sie erzielten das 2:0 gegen Russland nach einer Ecke. Und auch bei ihrem Sieg gegen Deutschland in Augsburg gelangen ihnen zwei Tore nach Ecken.

 

Hintergrund: Vor vier Wochen verlor Deutschland das Testspiel gegen die Slowakei mit 1:3. Allerdings spielte die deutsche Mannschaft nur mit einer B-Elf. Und im Turnier steht bisher die Null. Nur Polen kam ebenfalls mit weißer Weste durch die Gruppenphase. Aber Achtung: Insgesamt haben die Slowaken nur eines ihrer letzten elf Länderspiele verloren – den EM-Auftakt gegen Wales (1:2). Ansonsten gab es seit Mitte Oktober 2015 sechs Siege und vier Unentschieden.

 

News: Im Stadion in Lille wurde extra ein neuer Rasen verlegt. Boateng soll trotz seiner Wadenverhärtung spielen können. Kimmich erhält wohl erneut den Vorzug vor Höwedes. Bei den Slowaken haben in der Gruppenphase gleich sieben Spieler eine Gelbe Karte gesehen (Hrosovsky, Mak, Weiss, Kucka, Skrtel, Durica, Pecovsky) Ihnen droht bei der nächsten Verwarnung eine Sperre. Bei Deutschland sind nur Khedira, Boateng und Özil vorbelastet. Erst nach dem Viertelfinale werden alle Gelben Karten gelöscht.

 

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Klartext: Ich weiß, dass für viele von euch Kroatien der Favorit ist. Dennoch sage ich: Wenn Ronaldo heute etwas weniger an sich und etwas mehr an die Mannschaft denkt, wird er der Grund sein, warum Portugal ins Viertelfinale einzieht. Ronaldo kann gerade in einem K.o.-Spiel den Unterschied ausmachen. Aber dafür muss er bereit sein. Portugal braucht den erfahrenen Ronaldo, nicht den egoistischen. Ansonsten wird Kroatien Unachtsamkeiten bei den Portugiesen gnadenlos ausnutzen. Der Gewinner dieses Spiels hat für mich aufgrund der Spielplan-Konstellation eine riesige Chance ins Finale einzuziehen.

 

Analyse: Wir brauchen an dieser Stelle nicht von den individuellen Fähigkeiten Ronaldos sprechen. Die sind bekannt und unbestritten. Welchen Wert er für die Mannschaft haben kann, hat er mit zwei Toren und einer Vorlage beim 3:3 gegen Ungarn bewiesen. Viel interessanter ist es zu beobachten, wie Ronaldo sich taktisch in Absprache mit seinen Teamkollegen verhält. Dabei ist auffällig, dass er sich keinesfalls zu schade ist, lange Wege zu gehen, sich fallen zu lassen oder auf die Flügel auszuweichen. Ronaldo ist somit nur ein Teil einer extrem variablen Offensive – wenn auch der entscheidende. Ist er anspielbar, bekommt jeder Gegner Probleme. Gemeinsam mit Nani, Quaresma (oder wie gegen Ungarn Joao Mário) wechselt Ronaldo immer wieder die Positionen. Gomes spielt im Offensivkonstrukt ebenfalls eine wichtige Rolle für Ronaldo. Er rückt konsequent ins Zentrum, um von dort dann in die Spitze zu stoßen. Diese Bewegungen ermöglichen es Ronaldo, sich immer wieder auf dem Flügel anspielen zu lassen. Hochinteressant ist, dass Ronaldo (und im Übrigen auch Nani) nominell im Sturmzentrum spielen und dort zuletzt auch glänzten. So erzielten Ronaldo und Nani die drei Tore gegen Ungarn im Strafraum! Allerdings ist auch die offensive Variabilität der Kroaten nicht zu unterschätzen. Modric eröffnet als Kopf der Mannschaft das Spiel mit geschickten Pässen und lauert bei Angriffen stets auf den zweiten Ball. Zudem lässt sich Rakitic im Aufbau von der Zehner-Position immer wieder zurückfallen und bietet somit eine zusätzliche Anspielstation im Zentrum. Mandzukic weicht auch gerne mal auf den linken Flügel aus, wenn der momentan wie aufgedreht wirkende Perisic von hinten hochschiebt und den Weg ins Zentrum sucht.

 

Hintergrund: Dreimal trafen Portugal und Kroatien bisher aufeinander. Dreimal gewannen die Portugiesen. Interessant: Noch nie kassierten sie gegen die Kroaten ein Gegentor. Allerdings läuft es für Kroatien unter Neu-Coach Ante Cacic hervorragend. Zehn Länderspiele hat Kroatien unter ihm absolviert, dabei nie verloren und sogar acht Siege eingefahren. Zu erwähnen ist noch, dass die Kroaten zum zweiten Mal die Gruppenphase bei einer EM als Erster abgeschlossen haben. 2008 holten sie ebenfalls Rang eins, schieden dann aber gleich im Viertelfinale aus – gegen die Türkei im Elfmeterschießen.

 

News: Personell dürfte sich bei Kroatien wieder einiges ändern. Mandzukic bekam im letzten Gruppenspiel eine Pause, wird aber wohl wieder für Kalinic in die Startelf rücken. In diese wird auch der zuletzt leicht angeschlagene Modric zurückkehren. Und auch die Rückkehr von Vida, Strinic und Brozovic, die alle ebenfalls gegen Spanien eine Pause erhielten, ist denkbar.

 

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Klartext: Ein Ibrahimovic macht noch kein Achtelfinale. Der Star der Schweden läuft zwar viel, ist aber wenig (bis gar nicht) effektiv. Auch weil es um ihn herum an Klasse fehlt. Belgien hat diese übergreifende Klasse und scheint sich gerade noch rechtzeitig daran erinnert zu haben, dass man diese bei einer EM auch zeigen muss. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass die Belgier heute Ibrahimovic auf den Zeiger gehen – und dessen Nationalmannschaftskarriere heute mit einer weiteren EM-Enttäuschung zu Ende geht.

 

Analyse: Wir sprechen bei dieser EM ja häufig von Räumen, die besetzt werden müssen. Was bei den Belgiern dabei interessant zu beobachten ist: Sie besetzen die Räume in der gegnerischen Hälfte nicht nur, sie überladen diese sogar. Und das ganz bewusst, um in gefährlichen Zonen Überzahl herzustellen. Meistens sind es die ballentfernten Flügelspieler, die sich zusätzlich Richtung Ballseite bewegen. Das hat zur Folge, dass der ballentfernte Flügel frei bleibt – oder gegebenenfalls durch den hochschiebenden Außenverteidiger besetzt wird. Bei diesen Aktionen sind die Bewegungen von Hazard besonders auffällig. Er ist immer in Ballnähe anzutreffen, bewegt sich äußerst gerne in den engen Räumen und ist immer anspielbar. Damit nimmt der technisch starke und schnelle Hazard bei Belgien eine ganz ähnliche Rolle wie Payet bei den Franzosen ein. Eine wichtige Rolle im Überladen der Räume spielt zudem De Bruyne, der ebenfalls immer wieder in den Halbräumen als Unterstützung seiner Mitspieler auftaucht. Über seine individuellen Stärken müssen wir hier gar nicht extra reden. Die kennen wir alle noch aus der Bundesliga. Hazard und De Bruyne sind somit zwei Spieler, die in der Spielentwicklung als Schlüsselspieler zu bezeichnen sind, aber gleichzeitig auch im Konterspiel durch ihre Fähigkeit, blitzschnell umzuschalten, enorme Qualität haben.

 

Hintergrund: Es ist ein K.o.-Spiel zwischen Schweden und Belgien. Der Sieger der Partie wird sich als Gruppenzweiter für das Achtelfinale qualifizieren und auf den Sieger der Gruppe F treffen. Vor allen den Schweden droht aber die frühe Heimreise, da im Falle einer Niederlage selbst die Achtelfinal-Qualifikation als einer der vier besten Gruppendritten mit dann nur einem Punkt komplett unrealistisch ist. Zudem könnten die Iren ja auch noch mit einem Sieg gegen die bereits sicher qualifizierten Italiener an den Schweden vorbeiziehen und sich den dritten Platz sichern.

 

News: Belgiens Dembélé droht auszufallen. Er konnte in den vergangenen Tagen wegen eines verstauchten Knöchels nicht mit der Mannschaft trainieren. Für ihn könnte Nainggolan spielen. Schwedens Ibrahimovic kündigte vor dem Spiel an, nach der EM seine Nationalmannschaftskarriere zu beenden. Die Partie wird vom deutschen Schiedsrichter Felix Brych geleitet.

 

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Klartext: Die Führungsspieler-Debatte, die nach dem 0:0 gegen Polen wie zu jedem Turnier aufgekommen ist, wirkt geradezu grotesk und lächerlich. In der deutschen Mannschaft gibt es eine klare Hierarchie, die von starken Persönlichkeiten geprägt ist. Was fehlt, ist ein besseres Offensivspiel und eine Veränderung, die unsere Mannschaft schon gegen Nordirland wieder unberechenbarer macht. Das Gute: Das Spiel nach vorne ist bei der Qualität im Kader innerhalb weniger Trainingstage veränder- und damit auch verbesserbar.

 

Analyse: Mir ist bewusst, dass Jogi Löw sich bereits entschieden hat, auch gegen Nordirland wieder mit einer Viererkette zu agieren. Im letzten Spiel war erkennbar, dass die polnische Mannschaft ganz genau unsere Abläufe kannte: Kroos eröffnet, die Außenspieler schieben ins Zentrum, dort versuchen wir uns durchzukombinieren. Darauf wird sich auch Nordirland einstellen.

Deshalb möchte ich zumindest als Diskussionsthema die Möglichkeiten, die uns eine Dreierkette heute eröffnen würde, einmal beleuchten. Ich halte sie nämlich für eine sehr gute Alternative. Erstens, weil ich davon überzeugt bin, dass die Nordiren sehr defensiv gegen uns antreten werden, hinten wahrscheinlich sogar mit einer Fünferkette spielen. Damit würde die deutsche Mannschaft auch mit drei starken Verteidigerin – ich denke an Hummels, Boateng und Höwedes – stabil stehen. Zweitens, weil sich Kroos in der Spieleröffnung nicht immer zurückfallen lassen müsste, sondern schon im Mittelfeld platziert wäre, was uns dort Überzahl schaffen würde. Drittens, weil uns das angedachte 3-5-2-System erlauben würde, mit zwei klaren Strafraumstürmern zu spielen. So könnte Gomez ganz vorne drin agieren – und Müller um ihn herum mit allen Freiheiten. Wir würden die echte und die falsche Neun also zu einem richtigen Sturmduo umfunktionieren. Viertens, weil unsere Außenpositionen stärker gemacht werden könnten. Das Wirkungsfeld dieser Spieler würde sich vom eigenen bis zum gegnerischen Sechszehner erweitern. Sie müssten richtig marschieren, würden eine sehr zentrale Rolle einnehmen und müssten daher defensiv wie offensiv ihre Stärken haben. Mir käme für diese Rolle auf rechts Emre Can in den Kopf. Von daher wäre für mich folgende Aufstellung interessant: Neuer im Tor. Hummels, Boateng und Höwedes in der Abwehr. Khedira, Kroos, Can, Özil und Hector im Mittelfeld. Müller und Gomez in der Spitze. Und noch einen positiven Ansatz würde uns die Dreierkette bringen: Die deutsche Mannschaft würde sich ihre taktische Flexibilität im Turnier behalten.

 

Hintergrund: Wieder mal hängt bei der deutschen Mannschaft das Weiterkommen vom letzten Spiel ab. Aber bei diesem ist auf unsere Mannschaft Verlass. Unter Löw gewann Deutschland in den vergangenen vier Turnieren immer das letzte Gruppenspiel, auch wenn stets knapp mit nur einem Tor Differenz. In Zahlen sieht das so aus: 2014 gegen die USA mit 1:0, 2012 gegen Dänemark mit 2:1, 2010 gegen Ghana mit 1:0 und 2008 gegen Österreich ebenfalls mit 1:0. Die Gesamtbilanz der Nordiren gegen Deutschland fällt ernüchternd aus. Von 14 Spielen konnten sie nur 2 gewinnen, die letzten 4 Partien haben sie allesamt verloren.

 

News: Löw vertraut weiterhin auf eine Viererkette in der Abwehr, aber er wird in der Startelf personelle Änderungen vornehmen. Möglich, dass Gomez von Beginn an ran darf. Und auch Sané darf sich Hoffnungen machen. Bei den Nordiren könnte 1,93-Meter-Stürmer Lafferty zurück ins Team kommen. Er saß im zweiten Spiel der Nordiren nur auf der Bank.

 

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Klartext: Zum ersten Mal kann Frankreich dank zweier Auftaktsiege und der schon sicheren Qualifikation für die K.o.-Runde ohne Mega-Druck aufspielen. Etwas weniger Druck ermöglicht etwas mehr Spielfreude, so dass ich heute zum ersten Mal auch Glanz im Spiel des Gastgebers erwarte. Und das obwohl es gegen den schwersten Gegner in der Gruppe geht. Die Schweizer hadern trotz ihrer vier Punkte, weil ihnen immer noch der Absturz auf Platz drei in der Gruppe droht. Der Hauptgrund dafür: Ihre Chancenauswertung ist bislang Käse. Dass diese ausgerechnet gegen Frankreich besser wird, kann ich mir nur schwer vorstellen.

 

Analyse: Weil ich erwarte, dass die Franzosen das Spiel machen, richte ich meinen Fokus zunächst auf sie. Besser gesagt, auf Dimitri Payet, der sicherlich bisher eine der größten EM-Lichtblicke ist. Was ihn so wertvoll macht? Seine Raffinesse. Seine Beidfüßigkeit. Seine Freiheit auf dem Platz – und wie er diese nutzt. Gefühlt ist Payet ein Zehner, der über links kommt. Oder eben ein linker Flügelspieler, der im Zentrum agiert. Diese enorme Flexibilität macht es dem Gegner so schwer, ihn zu kontrollieren. In der Spieleröffnung ist er meist im Zentrum unterwegs, um sich flach anspielen zu lassen. Hat er den Ball abgespielt, ist er aber schnell wieder in einem anderen Raum unterwegs. Seine Fähigkeit, Lücken zu suchen und diese dann auch zu besetzen, ist enorm. Er bringt damit nicht nur den Gegner ins Laufen, sondern gleichzeitig auch den Ball bei den Franzosen ins Rollen. Ich bezeichne Payet aus diesem Grund als Frankreichs Tempomacher, von dem die gesamte Mannschaft profitiert und der zudem auch noch gefährliche Standards schießt. Für die Schweiz heißt das vor allem defensiv Schwerstarbeit. Dabei hatten sie hinten schon gegen Albanien und Rumänien Probleme. Auffällig: Die Innenverteidigung um Djourou und Schär zeigte Schwächen im Stellungsspiel. Beide standen häufig auf einer Höhe, sicherten selten die Tiefe. Rechtsverteidiger Lichtensteiner offenbarte ebenfalls Defizite, die Payet nicht entgangen sein dürften. Im eigenen Ballbesitz schlagen die Schweizer den Ball in der Regel nicht einfach planlos nach vorne, sondern suchen ebenfalls nach spielerischen Lösungen über Behrami und Xhaka. Das technisch anspruchsvolle Aufbauspiel haben die Eidgenossen jedoch noch nicht perfektioniert, so dass sie für Fehler anfällig sind, wenn der Gegner aggressiv presst. Gelingt es der Schweiz, zu kontern, muss Frankreich auf Shaqiri achten. Der ehemalige Bayern-Star ist der Zielspieler bei diesen Aktionen und sucht mit Tempo sofort den Weg in die Spitze, um dort ins Eins-gegen-eins zu gehen.

 

Hintergrund: Zum dritten Mal sind die Franzosen bei einer EM mit zwei Siegen gestartet. Zuvor gelang ihnen das nur 1984 und 2000. Und Achtung: Beide Male holte Frankreich am Ende den Titel. Die Schweizer steigerten sich zwar im Laufe des Spiels gegen Rumänien, aber nutzen weiterhin ihre Chancen nicht. Die bisherigen 34 Torschüsse im Turnier reichten nur für zwei Treffern. Und die fielen nach Ecken.

 

News: Frankfurts Seferovic ist in der Startelf der Schweizer nicht unumstritten. Gut möglich, dass Embolo für ihn gegen Frankreich beginnt. Bei den Franzosen muss Martial, der gegen Albanien ran durfte, wohl wieder auf die Bank. Auch Coman ist trotz guter Leistung im zweiten Match ein Wackelkandidat. Pogba und Griezmann drängen darauf, wieder von Anfang an zu spielen.

 

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Klartext: Mit einem Sieg gegen die Türkei steht Spanien schon sicher im Achtelfinale. Nach der Blamage bei der WM 2014 – Spanien schied in der Gruppenphase aus – wird der Titelverteidiger deshalb alles für eine frühzeitige Qualifikation für die K.o.-Phase tun. Die Spanier werden dabei auf ihre fußballerische Idee setzen, die Türken auf ihre fußballerische Intensität. Für mich steht fest: Eine gute Idee schlägt hohe Intensität.

 

Analyse: Bei Spanien ist interessant zu beobachten, dass Flügelstürmer David Silva beim Erspielen von Torchancen gerne ins Zentrum rückt, während sein Pendant auf der linken Seite – Nolito – meist weit außen bleibt, um dort ins Eins-gegen-eins zu gehen. Eine ähnliche taktische Rolle nahm Silva zuletzt übrigens auch bei Manchester City ein. Zudem bewegte sich Cesc Fabregas im Auftaktspiel gegen Tschechien immer wieder in die Stürmerposition neben Morata. Von dort agierte er dann als Wandspieler oder lief selbst in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr ein. Auch Thiago kann diese Rolle übernehmen. Diese taktischen Raffinessen, hinter denen eine klare fußballerische Idee steckt, erlauben es den Spaniern, nicht nur mit ihrem bekannten Tiki-Taka-Fußball zum Erfolg zu kommen, sondern auch nach Vertikalpässen ins besetzte Sturmzentrum oder eben nach Flanken von den Außenpositionen. Um die Spanier zu stoppen, werden die Türken sich wohl in einer 4-3-3-Grundordnung mit tiefen Außenspielern anordnen und ab der Mittellinie die Spanier sehr intensiv angehen. Der Vorteil dieser aggressiven Spielweise: Die Türken erzielen damit verhältnismäßig viele Balleroberungen in durchaus gefährlichen Räumen und können entsprechend umschalten. Der Nachteil: Das aggressive Anlaufen läuft teilweise sehr mannorientiert und daher unstrukturiert ab, so dass sich für den Gegner Räume zum Überspielen ergeben. Schon Kroatien konnte diese Räume im Auftaktspiel einige Male nutzen. Und wenn die Türken ihr Defensivverhalten nicht deutlich verbessern, wird Spanien dieses Problem noch offensichtlicher machen.

 

Hintergrund: Die Spanier haben aktuell eine beeindruckende Serie. In den letzten sechs EM-Spielen kassierten sie kein einziges Gegentor. Dreimal gewannen sie dabei mit 1:0. Gleichzeitig enttäuschen die Türken vor dem Tor. In 7 von 13 ihrer EM-Spiele schossen sie keinen Treffer. Und hinten sind sie einfach nicht dicht. Die Türkei musste in ihren letzten sieben EM-Spielen immer mindestens ein Gegentor hinnehmen.

 

News: Bei Spanien darf Bayern-Star Thiago darauf hoffen, den Startelfplatz von Cesc Fabregas einzunehmen. Bei der Türkei sucht Nationaltrainer Fatih Terim die Gründe für die 0:1-Niederlage gegen Kroatien abseits des Platzes. Er führte „Transferverhandlungen“, „Probleme im Privatleben“ und „wenig Spielpraxis“ als Gründe für die schwache Leistung an.

 

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