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Klartext: Wer sowohl das Auftaktspiel der polnischen als auch das der deutschen Mannschaft gesehen hat, könnte zu dem Ergebnis kommen, dass diese Gruppenbegegnung heute mit einem Unentschieden endet. Beide Teams zeigten einige Stärken, aber eben auch einige Schwächen. Das Wort Problemzone kennen viele wohl eher aus Frauengesprächen. Aber ich sehe auch eine Problemzone bei unseren Jungs. Diese zu kaschieren, bringt wenig. Sie muss klar angesprochen und dann weggearbeitet werden.

 

Analyse: Unsere Problemzone ist der große Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld, die oft entsteht, wenn die deutsche Mannschaft früh attackiert. Dann ist deutlich zu erkennen, dass die Viererkette nicht richtig nachrückt und zudem die beiden Sechser, Kroos und Khedira, nicht richtig staffeln. Es ist jedoch wichtig, dass unsere beiden Zentrumsspieler nicht auf einer Höhe stehen, sondern versetzt agieren, um mögliche, schnelle Gegenangriffe der Polen besser unterbinden zu können. Ansonsten ist dieser Raum ein Geschenk für Lewandowski. Wie gut der Bayern-Stürmer im Konterspiel ist, dürfte aus seiner BVB-Zeit noch bestens bekannt sein. Zwar gab Lewandowski beim Auftaktsieg gegen Nordirland keinen einzigen Torschuss ab, zog aber dank hoher Präsenz und Einsatzfreude immer wieder viele Abwehrspieler auf sich. So konnte Nebenmann Milik von Freiräumen profitieren und treffen. Auch Milik ist in der Lage, die deutsche Problemzone für sich zu nutzen. Der alleinige Defensiv-Fokus auf Lewandowski greift also zu kurz. Milik wird auch versuchen, das DFB-Team im Aufbauspiel zu ärgern. Und zwar indem er Kroos folgt und in einer Art Manndeckung nimmt. Es wird spannend zu sehen sein, wie Kroos mit dieser Situation umgeht und wie oft er sich daraus befreien kann. Offensiv war bei Deutschland gegen die Ukraine ja vieles gut. Werden die Positionen von Özil, Müller und Co. weiterhin so flexibel gewechselt, werden sich so auch gegen die Polen Möglichkeiten durch kluges und schnelles Kombinationsspiel ergeben. Was ebenfalls positiv auffiel, war erneut die große Stärke bei Standards. Auch bei diesen ist Kroos, genau wie bei der Spieleröffnung, unser Schlüsselspieler – die Vorbereitung des 1:0 gegen die Ukraine ist der beste Beleg dafür. Gut möglich, dass ein ruhender Ball auch gegen die Polen zum Türöffner wird.

 

Hintergrund: Das zweite Gruppenspiel bei großen Turnieren liegt uns nicht. Da sprechen die Ergebnisse der vergangenen Jahre eine ziemlich eindeutige Sprache. 2014 nur 2:2 gegen Ghana. 2010 sogar 0:1 gegen Serbien. 2008 setzte es ein 1:2 gegen Kroatien. Lediglich 2012 reichte es zu einem 2:1-Sieg gegen Holland. Für Polen reichte es gegen Deutschland in den bisher 20 Länderspielen insgesamt nur zu einem Sieg. An diesen können wir uns aber noch ganz gut erinnern. Im Oktober 2014 gewann die polnische Mannschaft in der EM-Quali zuhause mit 2:0 gegen die DFB-Elf.

 

News: Mats Hummels hat seinen Muskelfaserriss in der Wade komplett auskuriert und ist fit. Möglich, dass er Mustafi in der Innenverteidigung ersetzt. Bei Bastian Schweinsteiger reicht es noch nicht für volle 90 Minuten. Er wird wohl wieder als Joker von der Bank kommen.

 

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Klartext: Es hat sich ganz schön was getan in Österreich. Unser Nachbar ist fußballerisch erwachsen geworden und tritt mit einer eingespielten Mannschaft an, die einen klaren Plan verfolgt. Wenn alles passt, können die Österreicher eine Haupt- statt nur eine Nebenrolle bei dieser EM spielen. Doch wie reif sind sie wirklich? Das ÖFB-Team startet als Weltranglisten-Zehnter mit viel Selbstvertrauen ins Turnier.

 

Analyse: Wen wundert es schon bei so vielen Spielern mit Bundesliga-Erfahrung: Die Österreicher spielen deutsch. Sie sind auf viel Ballbesitz fixiert und agieren mit vielen Positionswechseln im Mittelfeld, um die gegnerische Ordnung zu stören und Überzahlsituationen herzustellen. Ganz anders als in der Bundesliga agiert dagegen David Alaba, den wir vom FC Bayern ja eigentlich als Linksverteidiger kennen. Im ÖFB-Team spielt Alaba im Zentrum auf der Doppelsechs neben Baumgartlinger und interpretiert diese Rolle ziemlich offensiv. Besonders gut ist das im hohen Mittelfeldpressing bzw. im Angriffspressing der Österreicher zu erkennen. Dann schiebt Alaba hoch und läuft die gegnerischen Aufbauspieler mit Tempo an. Nur Baumgartlinger bleibt in diesen Situationen als einziger Mittelfeldspieler wirklich tief stehen. Generell üben Alaba und Co. in allen Zonen des Spielfeldes viel Druck auf den Gegner aus und suchen nach Ballgewinn besonders gerne den schnellen Linksaußen Arnautovic, der dann entweder selbst einrückt und den Abschluss sucht oder den Ball für nachrückende Spieler festmacht. Welch große Probleme Ungarn mit dieser dominanten Spielweise hat, ist vielen sicherlich noch aus dem EM-Test vor zehn Tagen gegen Deutschland bekannt. Zwar findet sich auf dem Papier eine 4-4-2-Grundordnung wieder. Häufig lässt sich zusätzlich jedoch noch einer der beiden äußeren Mittelfeldspieler nach hinten fallen, so dass schnell ein 5-3-2-Bollwerk entsteht. Gegen Deutschland probierte es Ungarn situativ auch mit einer Sechser-Abwehrkette. Die Folge ist dann eine permanente Unterzahl im Mittelfeld. Die passive auf Kompaktheit ausgelegte Spielweise der Ungarn ohne echte spielerische Qualität dürfte niemand von den Sitzen reißen.

 

Hintergrund: Die Österreicher, die in der Quali 28 von 30 möglichen Punkten holten, haben sich zum ersten Mal überhaupt sportlich für eine EM-Endrunde qualifiziert. 2008 waren sie als Co-Gastgeber des Turniers automatisch dabei, schieden aber mit nur einem mickrigen Punkt in der Vorrunde aus. Die Teilnahme-Bilanz der Ungarn fällt noch schlechter aus. Sie waren das letzte Mal 1972 bei einer EM dabei – vor 44 Jahren.

 

News: Ösi-Topstürmer Marc Janko scheint rechtzeitig fit zu werden. Er hatte zuletzt wegen muskulären Problemen nicht mit der Mannschaft trainieren können. Sein Mannschaftskollege und Darmstadt-Verteidiger György Garcis kündigte unterdessen an, möglicherweise beide Nationalhymnen zu singen. Garcis ist in Ungarn geboren.

 

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Klartext: Je näher das erste Spiel der deutschen Mannschaft rückt, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass die Fans im eigenen Land Jogi Löw und sein Team bereits als Europameister feiern. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass diese Stimmungslage auch innerhalb der Mannschaft vorherrscht. Im Gegenteil. Unsere Mannschaft weiß, dass sie nach dem gewonnen WM-Titel 2014 nur selten überzeugt hat und sich jeden einzelnen Sieg wieder hart erarbeiten muss – vor allem heute gegen die Ukraine. Ich erwarte daher mehr Gedulds- als Gala-Fußball.

 

Analyse: Ich denke, alle Fußballer kennen das beliebte Kreis- beziehungsweise Eckespiel, auch 4 gegen 2 genannt. Diese eigentliche Trainingsform muss die deutsche Mannschaft heute im Spiel umsetzen. Und zwar mit höchster Laufbereitschaft und Flexibilität. Die 4-gegen-2-Situation kann gegen die Ukraine des Öfteren vor deren tiefstehenden Vierer-Abwehrkette entstehen. Im Idealfall immer dann, wenn Kroos sich im Spielaufbau auf der halblinken Position zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger fallen lässt und dort den Ball bekommt. Weil unsere beiden Außenverteidiger hoch schieben, rücken die Flügelspieler, möglicherweise Müller und Draxler, ein und schaffen dadurch gemeinsam mit Khedira und Özil eine Überzahl im Zentrum – das 4 gegen 2 entsteht. Wenn diese Spieler im imaginären Viereck ständig in Bewegung sind und Positionswechsel forcieren, können die Ukrainer dort nur Raumdeckung betreiben. Die deutschen Spieler gewinnen dadurch bei einem Anspiel einen Zeitvorsprung, der für den tödlichen Pass aus dem Zentrum oder einen eigenen Abschluss aus der Distanz entscheidend sein kann. Wird das 4 gegen 2 jedoch zu statisch gespielt, wird es die Ukraine leicht haben, das Zentrum zu verteidigen und den Ball zu erobern. Dann drohen gefährliche Konter gegen unsere aufgerückte Mannschaft. Besonders die dynamischen Außenspieler Konoplyanka und Yarmolenko schalten schnell um, ziehen in der Vorwärtsbewegung auch gerne ins Zentrum und suchen den direkten Weg zum Tor. Und mit Gegentreffern, die aus diesen Situationen nach Ballverlusten entstehen, haben wir zuletzt ja leider schlechte Erfahrungen machen müssen.

Hintergrund: Wir sind gute Turnier-Starter. Das erste Spiel bei einer EM hat Deutschland noch nie verloren. In der Bilanz finden sich sechs Siege, zuletzt 2012 das 1:0 gegen Portugal, und fünf Unentschieden wieder. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Ukraine in bisher fünf Länderspielen gegen Deutschland zwar noch nie gewinnen konnte, aber immerhin drei Unentschieden schaffte. Auch das spricht eher gegen eine vielleicht von außen erwartete Auftaktgala des Weltmeisters. Die Ukraine belegte in der EM-Quali übrigens nur Gruppenplatz drei hinter Spanien und der Slowakei. Sie setzte sich dann aber in den Playoff-Spielen gegen Slowenien relativ souverän durch – mit einem 2:0-Heimsieg und einem 1:1 auswärts.

 

News: Anfang Mai lieferten sich einige ukrainische Nationalspieler beim Liga-Topspiel zwischen Donezk und Kiew wüste Schlägereien. Nun müssen sie ein Team bilden. Sechs Profis von Donezk und fünf Profis von Kiew stehen im Kader der Ukraine.

 

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Klartext: Ja, die Engländer machen auf mich einen deutlich besseren Eindruck als vor den vergangenen großen Turnieren. Nein, sie zählen für mich trotzdem nicht zu den EM-Favoriten. Möglicherweise ist diese Konstellation prädestiniert für ein starkes Auftaktmatch, zumal mit Russland der Gegner keine Übermannschaft ist. Drei Punkte für die Three Lions wären also normal. Doch was ist bei den Engländern, ich denke nur an Sensationsmeister Leicester City, schon normal?

 

Analyse: Wayne Rooney ist für die Engländer nicht nur eine identitätsstiftende Figur, sondern nach wie vor auch ihr Schlüsselspieler im Herausarbeiten von Torchancen. Er bewegt sich stets zwischen der Mittelfeld- und Abwehrkette des Gegners, um sich entweder durch einen Vertikalpass anspielen zu lassen oder um nach einem Spiel über den Flügel den Rückraum zu besetzen. Von dieser Position aus kann er entweder einen der beiden Stürmer mit einem Pass in die Schnittstelle bedienen oder auf einen eigenen Abschluss aus der zweiten Reihe gehen. Auch eine Option, die Rooney gerne nutzt: Er läuft aus seiner zentralen Position in die Schnittstelle der gegnerischen Viererkette und stellt die Innenverteidiger damit vor große Probleme bei der Zuordnung. Doch England ist nicht nur Rooney. Dank der jungen und schnellen Sterling, Barkley, Rashford und Kane sind die Engländer viel variabler und gerade im Konterspiel deutlich gefährlicher geworden. Um nicht überrannt zu werden, gehe ich davon aus, dass Russland aus einem kompakten 4-4-1-1-System anlaufen wird, wobei sich die äußeren Mittelfeldspieler immer weit zurückfallen lassen. Interessant wird die Rolle von Rechtsverteidiger Smolnikov werden. Er steht zumeist sehr hoch und neigt im eigenen Spielaufbau zu riskanten Dribblings. Einerseits kann er damit offensiv Akzente setzen. Andererseits bietet er in seinem Rücken Räume an, die gerade für die dynamischen Engländer dankbar sein können.

Hintergrund: England nahm bisher an acht Europameisterschaften teil, konnte aber noch nie das erste Spiel eines Turniers gewinnen. In der Start-Bilanz stehen vier Unentschieden und vier Niederlagen. So viel zum Thema Engländer und normal. Die Russen kamen in der direkten EM-Vorbereitung aus dem Tritt, sind seit drei Länderspielen sieglos. Die Ergebnisse: 2:2 gegen Frankreich, 1:2 gegen Tschechien und 1:1 gegen Serbien.

 

News: Ray Lewington, Co-Trainer von Roy Hodgson, zeigte unabsichtlich vor dem Spiel Teile der voraussichtlichen, englischen Aufstellung auf einem Papier. Vieles deutet daraufhin, dass Dier im defensiven Mittelfeld beginnt und Kane und Vardy im Sturm spielen. Dazu Sterling und Barkley auf den Außenbahnen, Rooney und Alli dahinter.

 

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Klartext: Natürlich ist Frankreich der klare Favorit gegen Rumänien, das sich erstmals seit der Euro 2008 wieder für eine Welt- oder Europameisterschaft qualifiziert hat. Aber gerade dieser Favoritenrolle in einem EM-Eröffnungsspiel vor eigenem Publikum gerecht zu werden, ist enorm schwierig. Die Erwartungen an das französische Team im Stadion Saint-Denis sind extrem hoch. Es zählt nur der Titel. Dieser Anspruch kann auch lähmend wirken. Und gleichzeitig die einzige Chance für die Rumänen sein. Können die Franzosen das Drumherum ausblenden, kann es bei diesem Spiel nur einen Sieger geben – die Équipe Tricolore.

 

Analyse: Frankreich agiert im Spielaufbau aus einem 4-3-3-System heraus, in dem die Schlüsselspieler auf den Offensivpositionen eingesetzt werden und für Torgefahr sorgen. Juventus-Star Pogba ist als Achter auf halbrechts enorm ballsicher und zweikampfstark. Selbst unter Bedrängnis versucht er häufig, Zentrumsstürmer Giroud mit einem hohen Ball hinter die Abwehrkette des Gegners anzuspielen. Bei Frankreichs EM-Generalprobe vor elf Tagen gegen Kamerun (3:2) sorgte diese Aktion für ein Tor. Flügelstürmer Payet ist sehr flexibel. Interessant: In der Spieleröffnung bewegt er sich immer wieder ins Zentrum, lässt sich dort flach anspielen und sorgt somit für Verwirrung beim Gegner. Diese kleinen Bewegungen können von großer Bedeutung gegen die Rumänen sein, die ansonsten defensiv sehr gut agieren. Keine andere Mannschaft kassierte in der EM-Quali so wenige Gegentore – nur zwei. Rumänien wird Frankreich wohl aus einer kompakten 4-4-2-Grundordnung anlaufen. Das Ziel der Rumänen ist es, durch geschicktes Anlaufverhalten die französischen Aufbauspieler möglichst nach außen zu lenken, um dort auf engem Raum die Bälle zu erobern. Jedoch sind dabei bei den Rumänen auch immer wieder Lücken zwischen Sturm und Mittefeld sowie Mittelfeld und Abwehr zu erkennen. Genau diese freien Halbräume werden die Achter Pogba und Matuidi suchen, um von dort aus Frankreichs Spiel zu entwickeln.

 

Hintergrund: Seit 1984 darf der EM-Gastgeber auch das Eröffnungsspiel bestreiten. Allerdings konnte dieser dabei nur zweimal einen Sieg landen. Frankreich schaffte es 1984 gegen Dänemark, Belgien 2000 gegen Schweden. In den weiteren sechs Eröffnungsspielen gab es vier Unentschieden und zwei Niederlagen des Gastgebers. Viele von euch können sich bestimmt noch an den überraschenden 2:1-Auftaktsieg Griechenlands gegen Portugal im Jahr 2004 erinnern. Auch das belegt, wie hoch der Druck gerade im ersten Spiel auf der Heimmannschaft ist.

 

News: Da Atlético-Star Griezman bei Frankreich gesetzt scheint, ist es möglich, dass Bayern-Star Coman als Joker von der Bank kommt.

 

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